„Ungeheuerlich“, mit diesem Wort reagierten viele St. GeorgerInnen auf die Hiobsbotschaft, nach der in der Nacht vom 19. auf den 20. Mai nun auch noch ein Brandanschlag auf dem Kertscher-Grundstück verübt wurde. Nicht direkt auf das seit Monaten in die Presse geratene Merckstift in der Knorrestraße , sondern auf ein dahinter gelegenes Wohnhaus.
Der Brandanschlag erfolgte nachts um 4 Uhr, zu einem Zeitpunkt, wo es reines Glück war,
dass der Brandstifter beobachtet wurde und die sofort alarmierte Feuerwehr innerhalb
weniger Minuten vor Ort war. Ungewöhnliche Dinge waren passiert: Am Tag zuvor war die
Steinumfassung eines Müllbehälters entfernt worden, so dass die aus ihm züngelnden Flammen sofort in die Höhe steigen konnten. Auch wurde von AnwohnerInnen berichtet, dass in der betreffenden Nacht das Hoflicht ausgefallen sei. Und zufällig fand wenige Stunden nach dem
Brand der erste Räumungsprozess gegen die ausharrenden BewohnerInnen des Merckstifts statt.
Der Brand hat deutliche Spuren an der Hauswand hinterlassen, die Flammen reichten knapp zehn Meter hoch, zwei Müllcontainer sind zerstört, das Fenster einer Wohnung im ersten Stock musste eingeschlagen werden, weil es wegen der Hitze bereits verzogen war. Kaum vorstellbar, wenn die Feuerwehrleute auch nur eine Viertelstunde später gekommen und die Flammen in die Wohnung geschlagen wären.
Es ist dies mindestens der vierte Brandanschlag in den vergangenen Jahren, der sicher zufällig auf Grundstücken zustande kam, für die justament andere Pläne vorlagen: Die Rede ist vom so genannten „Brandhaus“ in der Langen Reihe und dem ebenfalls, wenn auch inzwischen vollständig abgerissenen Wohnhaus in der Gurlittstraße sowie einem weiteren Gebäude in der Zimmerpforte. Was passiert hier? Und was unternehmen Polizei und Verwaltung? Handelt es sich um lauter Zufälle? Wird hier mit harten Bandagen vorgegangen?
Unter dem weiter angewachsenen Druck erstattete Erwin Jochem (Bezirksamt Mitte) auf der Stadtteilbeiratssitzung am 26. Mai endlich Bericht über die Vorgänge rund um den Verkauf des Kertscher-Grundstücks und das bezirkliche Wissen über die Vorgänge. Den bisher nur mündlich erfolgten Ausführungen war zu entnehmen, dass die Kertscher-Brüder bereits 2007 einen Vorbe-
scheidsantrag eingereicht hatten, der 2008 positiv beschieden wurde. Der Vorbescheid beinhaltete u.a. den Neubau eines sechsgeschossigen Wohngebäudes (an der Ecke Lange Reihe siebengeschossig) mit einer Höhe bis zu 22 Metern. Das Merckstift sollte dabei nach Meinung der BezirkspolitikerInnen aber auf jeden Fall erhalten bleiben. Es scheint üblich in dieser Stadt,
für ein zum Verkauf vorgesehenes Grundstück schnell noch einen schönen Vorbescheid zu
erwirken, womit der Wert um das zwei- bis Dreifache gesteigert und eine entsprechend
höhere Rendite beim tatsächlichen Verkauf erzielt werden kann.
Nun trifft die bis Ende letzten Jahres so seriös dastehenden Kertschers nicht die alleinige Verantwortung, auch der Bezirk hat in dieser Richtung Druck gemacht. Wir zitieren hier einmal länger aus der „Hamburger Morgenpost“ vom 6. Juli 2006:
„Die Lange Reihe hat sich verändert. Vom Schmuddelkind zur hippen Szenestraße brauchte es nur wenige Jahre. Doch an beiden Enden verschandeln triste Flachbauten das schicke Antlitz. Seit 30 Jahren ist eine Neubebauung im Gespräch – doch nichts passiert. Jetzt wird’s ernst: Der Bezirk will die Eigentümer zwingen, neu zu bauen. Das wäre nicht nur für die Traditionskneipe ‚Max & Consorten’ eine Gefahr. Die rot-grünen Koalitionäre in Mitte hatten ihre Geduld verloren. Vor einer Woche forderten sie Bezirksamtsleiter Markus Schreiber (SPD) auf, endlich ein ,repräsentatives Entree’ am Beginn der Langen Reihe zu sorgen.
Gleichzeitig sollen am anderen Ende die Flachbauten im Bereich Bülau-, Knorre- und Schmilinskystraße platt gemacht werden. Sechsstöckige Neubauten mit Gewerbe- und Wohnflächen sollen die Gegend weiter aufwerten. Mit einem so genannten Baugebot sollen die Eigentümer dazu gezwungen werden.“
Der Artikel datiert von 2006, der Vorbescheid von 2007. Ein Narr, wer da Zusammenhänge wähnt, ein Tor, wer die Ergebnisse ins rechte Licht zu rücken versucht: „1000 Töpfe“ geschlossen, das Merckstift unter Druck, „Max & Consorten“ soll demnächst abgerissen werden. Klar ist inzwischen, dass das Kertscher-Grundstück (samt Merckstift und Wohnhaus an der Bülaustraße) an die „GESA Bau Neuwulmstorf“ verhökert wurde. Klar ist dagegen noch nicht, was aus deren
Plänen wird, ausschließlich Eigentumswohnungen auf dem Gelände von „1000 Töpfe“ inklusive einer Ladenzeile zu bauen. Unter dem Druck aus dem Stadtteil und wegen allzu forschen Vorgehens der Firma „Savills“ – sie verwaltet in wenig freundlicher Form u.a. das Merckstift – wird jetzt hoffentlich erst einmal allen Planungen Einhalt geboten, bis eine endgültige Klärung der Abläufe und des Brandanschlages vorgenommen sowie eine sozialverträgliche Lösung für alle BewohnerInnen des Merckstifts gefunden werden konnte.
Der Stadtteilbeirat jedenfalls hat nochmals deutlich Flagge gezeigt und am 26. Mai einhellig den folgenden, in dieser Fassung allerdings noch nicht endgültig abgestimmten Beschluss gefällt:
Der Stadtteilbeirat St. Georg zeigt sich zutiefst betroffen und empört über den Brandanschlag auf das Wohngebäude in der Knorrestraße 7a, gelegen auf dem bisherigen „Kertscher-Grundstück“.
1) Der Stadtteilbeirat fordert den Bezirk Hamburg-Mitte und die Polizei auf, schnellstmöglich geeignete Schritte zu prüfen, zu realisieren und stadtteilöffentlich vorzustellen, wie weitere Brandanschläge auf Gebäude verhindert werden können, insbesondere bei Grundstücken, die zum Verkauf oder zur Neubebauung anstehen. Zudem erwartet der Stadtteilbeirat generell, dass Häuser, die von Brandanschlägen betroffen sind, von deren Eigentümern zeitnah wieder instandgesetzt werden.
2) Im Falle des Kertscher-Grundstücks regt der Stadtteilbeirat unverzügliche polizeiliche Maßnahmen zur Sicherung der Wohngebäude und des Grundstücks an.
3) Der Stadtteilbeirat fordert den Bezirk auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, unzulässige Fällungen, Bohrungen, Abrisse etc. auf dem gesamten Kertscher-Grundstück zu verhindern und ggfs. zu ahnden.
4) Der Stadtteilbeirat unterstreicht seine Forderung, das Merckstift komplett zu erhalten und auch zukünftig für günstige Mietwohnungen zu nutzen. Ebenso spricht sich der Stadtteilbeirat für den vollständigen Erhalt des Wohngebäudes in der Bülaustraße aus. Im Übrigen appelliert der Stadtteilbeirat an den Investor, das Kertscher-Grundstück (neben der Ladenzeile)
durchweg mit Sozialwohnungen zu bebauen.
5) Der Stadtteilbeirat verlangt vom Bezirk einen städtebaulichen Vertrag für jedes einzelne Gebäude und das gesamte Kertscher-Grundstück. Darüber hinaus muss eine unabhängige Überprüfung der Wirtschaftlichkeitsberechnungen des Investors durchgeführt werden.
6) Der Stadtteilbeirat ersucht alle Beteiligten in Sachen Kertscher-Grundstück (Alt- und Neu-Eigentümer, Investoren, Architekten), zum nächsten Stadtteilbeirat am 30. Juni 2009 zu erscheinen und über die Geschehnisse und Planungen detailliert Auskunft zu geben.
Wenn es erst einmal anfängt, kennt die Goldgräberstimmung keine Grenzen mehr. Das war so bei der Schule Koppel 96/98, die von der Stadt im Höchstgebotsverfahren an Spekulanten verkauft wurde, woraufhin wenig später auch die Mietwohnungen in der Koppel 100 auf Antrag der Firma Haueisen in lukrative Eigentumswohnungen umgewandelt wurden usw. Auch jetzt sind diese Immobilisten wieder beteiligt: Nun möchte Haueisen nämlich auch das Backsteingebäude rechts neben dem ehemaligen 1000-Töpfe-Flachbau verkaufen. Goldgräberstimmung eben! Auf Kosten der Bewohnerschaft!
Am 13. Juni haben übrigens rund 1000 Menschen vor allem aus den innerstädtischen Quartieren wie St. Pauli, St. Georg und Schanze gegen steigende Mieten, Umwandlung und Vertreibung demonstriert. Es muss endlich etwas passieren!
Dienstag, 23. Juni 2009




